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Wird ein Infrastrukturprojekt vom Volk angenommen, wird es schneller realisiert. Diese Erfahrung machte Guido Biaggio bei den Vorbereitungen zum Bau des zweiten Strassentunnels am Gotthard. Der Vizedirektor des Bundesamtes für Strassen sprach neben anderen Referenten an der Infra-Tagung 2019 in Luzern. Die Redaktion von Spektrum Bau war auch dieses Jahr wieder vor Ort dabei und durfte hochkarätige Referenten vor vollem Hause erleben.

 

Obwohl es sich um ein äusserst komplexes und auch symbolträchtiges Grossprojekt handelt, gehen die Vorbereitungen für den Bau des zweiten Strassentunnels am Gotthard erstaunlich zügig voran. Dafür ist gemäss Guido Biaggio, Vizedirektor beim Bundesamt für Strassen (ASTRA), auch die Volksabstimmung im Jahr 2016 mitverantwortlich. Er stellte an der Infra-Tagung, dem wichtigsten Branchentreffen des Schweizer Infrastrukturbaus, die These auf, dass eine Volksabstimmung Projektentwicklungen zeitlich beschleunigen können. Denn diese sorge dafür, dass alle Projektbeteiligten ihre Beiträge zielgerichteter und weniger emotional leisteten. Das ASTRA geht davon aus, dass die Hauptarbeiten am Gotthard im Jahr 2021 beginnen. Neben den grossen Tunnel-Hauptlosen werden auch verschiedene Vorbereitungs- und Nebenlose in Aussicht gestellt. Diese sollen kleineren und lokalen Unternehmen Chancen auf einen Auftrag bieten

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Anreize für Investitionen in eine sichere Stromversorgung
Angesichts der Energiestrategie 2050 sind umfangreiche Investitionen in die Schweizer Stromversorgung notwendig. «Die aktuellen Strompreise geben aber kaum Investitionsanreize», stellte Roland Küpfer, Leiter Netze und Konzernleitungsmitglied der BKW, fest. Damit die Schweiz auch künftig sicher mit Strom versorgt wird, müsse der Staat die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. Trotz verschiedener Massnahmen werde der Stromverbrauch in naher Zukunft nicht sinken, ist Küpfer überzeugt, sondern im Gegenteil signifikant zunehmen. Um das Schweizer Stromnetz den künftigen Anforderungen anzupassen, brauche es einen Ausbau von bis zu 15.3 Milliarden Franken. Die Zeit dränge, da Planung und Bewilligung von Grossprojekten in der Energiebranche oft 25 bis 40 Jahre dauern. «Das Jahr 2050 steht somit eigentlich bereits vor der Tür!»

Cargo sous terrain bringt den Güterverkehr unter die Erde
Cargo sous terrain plant in der Schweiz ein automatisiertes, unterirdisches Transportsystem für Güter mit einer effizienten städtischen Feinverteilung. Das Projekt sei bodensparend, landschaftsschonend und nachhaltig, so Peter Sutterlüti, Verwaltungsratspräsident der Cargo sous terrain AG. Das System versteht sich als Antwort auf die zunehmenden Kapazitätsengpässe auf Strassen und Schienen und soll den Güterverkehr in den Städten um bis zu 30% reduzieren. «Der Grund, warum Cargo sous terrain in der Schweiz entstanden ist, liegt in der einmaligen Einbindung der Wirtschaft und der künftigen Nutzer sowie der Verbindung von Kapitalkraft und Innovationsfähigkeit», meinte Sutterlüti. Er rechnet damit, dass das Parlament das entsprechende Bundesgesetz bis 2020 beschliesst. Die erste Teilstrecke zwischen Niederbipp-Härkingen und Zürich will man voraussichtlich 2030 in Betrieb nehmen. Die Investitionskosten von rund drei Milliarden Franken sollen privatwirtschaftlich getragen werden.

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Digitalisierung mitgestalten
Ein wichtiger Innovationstreiber der Baubranche sei aktuell die Digitalisierung, stellte der Vizepräsident von Infra Suisse, André Schär, fest. «Wir Infrastrukturbauer müssen die digitale Zukunft mitgestalten, bevor es andere für uns tun», mahnte Schär seine Berufskollegen. Um innovativ zu sein, brauche der Infrastrukturbau auch einen fairen Wettbewerb, betonte Matthias Forster, Geschäftsführer von Infra Suisse. Forster unterstrich: «Infra Suisse steht für liberale, marktwirtschaftliche Grundsätze. Der Vorstand hat beschlossen, die Compliance-Kultur in der Branche weiter zu stärken.»

Die Weko und die Bauwirtschaft
Kartelle, wie sie auch in der Bauwirtschaft aufgedeckt wurden, schaden der Volkswirtschaft, erklärte der Präsident der Wettbewerbskommission (WEKO), Andreas Heinemann. Die Erfahrung lehre, dass sich der Preis oft an den am wenigsten effizienten Teilnehmenden orientiert. Arbeitsgemeinschaften, wie sie es in der Bauwirtschaft häufig gibt, sind laut Heinemann, rechtlich anerkannt. Sie dürfen jedoch nicht als Deckmantel für Kartellabsprachen missbraucht werden. Bezugnehmend auf die Marktmacht einzelner Organisationen hielt er fest: «Es ist nicht verboten, marktbeherrschend zu sein. Aber wenn man es ist, darf man diese Position nicht missbrauchen.»

181003-Infra-Tagung-Keyvisual-WebWas am Ende zählt
An der Infra-Tagung wurde die Zeit unter verschiedenen Gesichtspunkten behandelt. Der Palliativmediziner Daniel Büche nahm sich der Zeitlichkeit und dem Umgang mit dem eigenen Ende an. Er erzählte aus seinem Arbeitsalltag mit Sterbenden und berichtete, was den meisten Menschen am Ende ihres Lebens wirklich wichtig ist.

Infra Suisse und die Infra-Tagung
Infra Suisse ist die Branchenorganisation der im Infrastrukturbau tätigen Unternehmen. Rund 200 Bauunternehmen sind Mitglied bei Infra Suisse. Die Infra-Tagung ist das wichtigste Branchentreffen des Schweizer Infrastrukturbaus, wo sich jedes Jahr Politiker, Bauherren, Planer und Bauunternehmer über aktuelle infrastruktur- und verkehrspolitische Themen austauschen. Jeweils Anfang Februar findet in Lausanne die Infra-Tagung für die Westschweiz statt.

Unter dem Titel «Ach, du liebe Zeit!» referierten an der Infra-Tagung am 24. Januar 2019 im KKL Luzern Prof. Dr. iur. Andreas Heinemann, Präsident der WEKO, Peter Sutterlüti, Verwaltungsratspräsident von der Cargo sous terrain AG, Dr. Roland Küpfer, Konzernleitungsmitglied der BKW Energie AG, Guido Biaggio, Vizedirektor des ASTRA und Dr. Daniel Büche, Leiter des Palliativzentrums im Kantonsspital St. Gallen. Durch das Programm führte die 10-vor-10-Moderatorin Andrea Vetsch. Wir möchten den Organisatoren einmal mehr zur Wahl der Referenten gratulieren, die Themen waren durchs Band sehr interessant, auch kontroverse Themen wie das Wirken der WEKO wurde von den Zuhörern überraschend wohlwollend angenommen. Unser herzlicher Dank gebührt der Infra Suisse für die Einladung, wie freuen uns bereits auf die nächste Infra Tagung im Jahr 2020.